„Betrunkene“ am Theater Konstanz: Kritiken

Regie: Elina Finkel

Musik: Stefan Baumann

Südkurier vom 21.5.2018

Nur die Liebe zählt

Haltlose Figuren irren durch eine haltlose Welt. Auf der abschüssigen Bühne geraten sie ins Schwanken: Sebastian Haase, Bettina Riebesel, Stefan Baumann, Jana Alexia Rödiger, Axel Julius Fündeling. Bild: Ilja Mess
Skandalös gut: „Betrunkene“ von Iwan Wyrypajew ist die Inszenierung des Jahres am Theater Konstanz

Schon mal was von Iwan Wyrypajew gehört? Falls nicht, wird es Zeit. „Betrunkene“ heißt eine Komödie des russischen Dramatikers, die am Samstagabend in Konstanz Premiere hatte. Und um es vorwegzunehmen: Die Vorstellung geriet zu einem Triumph.

Haltlose Figuren irren durch eine haltlose Welt. Auf der abschüssigen, goldverzierten Bühne (eingerichtet von Elene Bulochnikova) geraten sie ins Schwanken, Rutschen, Fallen. Wer glaubt, man könne unter solchen Umständen aufrecht durchs Leben gehen, der macht sich was vor. Der Alkohol tut sein Übriges, betrunken sind sie nämlich alle. Die beiden Frischvermählten mit ihrer Trauzeugin zum Beispiel, die vier Freunde auf dem Junggesellenabschied oder auch die beiden befreundeten Ehepaare bei ihrem Weinabend. Wir lernen sie kennen in nur scheinbar zusammenhanglosen Szenen, Schlaglichter auf eine Sinn und Orientierung suchende Gesellschaft.

Drei Ikonen im Hintergrund weisen ihnen dabei den Weg: Wer Sinn sucht, landet früher oder später bei Gott. Auch wenn es weh tut. Gustav (Axel Julius Fündeling) etwa sieht in der Religion einen Ausweg, um seinen vom Alkohol benebelten Kumpel Karl (Sebastian Haase) zu trösten. Dessen Mutter ist längst tot, wahrhaben aber will der Sohn das nicht. „Meine Mutter lebt!“, brüllt er.

Schau, erklärt ihm da Gustav, sein Freund: Das stimme zwar eigentlich nicht, vielleicht ja aber wenigstens in einem übertragenen, theologischen Sinne. Von wegen ewiges Leben und so. „Wir alle sind Leib Gottes, auch du!“

„Nee!“, lallt Karl: „Das geht gar nich‘, ich bin viel zu schlecht!“ Auch die schlechten Menschen, beruhigt ihn Gustav salbungsvoll, seien der Leib Gottes, da mache der Herr keine Ausnahme. „Aber nich‘ bei mir“, antwortet Karl: „Ich hab‘ doch mit deiner Frau geschlafen!“

So läuft es immer auf ihrer Suche. Kaum finden sie zu Gott, machen die ganz irdischen Liebeswirren das gerade erlangte Seelenheil schon wieder zunichte. Der vor Gott und Staat frisch verheiratete Laurenz (Arlen Konietz) etwa sieht sich plötzlich dem Wunsch seiner Ex-Freundin und jetzigen Trauzeugin (Bettina Riebesel) nach einem Abschiedskuss ausgesetzt. „Da muss ich erst mal meine Frau fragen“, windet er sich. Und dann: „Meine Frau hat nein gesagt!“ Das hindert die Ex-Freundin nicht daran, ihn ihrerseits abzuküssen – was dem Bräutigam wiederum mehr zu gefallen scheint, als der Braut lieb sein kann.

Kinder und Betrunkene sprechen bekanntlich die Wahrheit. So offenbaren sich hinter all diesen Desastern überraschende Erkenntnisse. Etwa dann, wenn die einsame Trauzeugin mit bitterem Ernst über die angeblichen Errungenschaften eines selbstbestimmten Beziehungslebens spricht. „Es gibt keine Freiheit“, schimpft sie: „Das ist doch ödes Gelaber, dass wir niemandem gehören müssen außer uns selbst. Die ganze Welt ist voll davon!“ Freiheit sei doch vielmehr, sich jemandem hinzugeben und dazuzugehören. „Wenn mein Herz nicht mir gehört, das ist Freiheit!“

Und als der ebenso betrogene wie betrunkene Gustav seine beschwipste Frau Magda (Jana Alexia Rödiger) nach Hause bringen will, quatscht eine berauschte Passantin (Antonia Jungwirth) das Paar an. Sie möge entschuldigen, sagt sie zu Magda: „Aber ich liebe Ihren Mann.“ Liebe nämlich sei, „wenn alles in dir erwacht“, und genau das sei bei ihr gerade geschehen. Woraufhin Gustav wie vom Donner gerührt stehen bleibt. „Magda!“, ruft er seiner Gattin zu: „Mir scheint, ich habe gerade die Frau gefunden, die mich liebt!“

Nicht der Glaube verleiht unserem Dasein einen Sinn, sondern die Liebe. Die gleichermaßen komischen wie tragischen Protagonisten bekommen das auf bisweilen groteske Weise zu spüren.

Und wie die Liebe, so benötigt auch die diesem Stück innewohnende Ironie jemanden, der sie erweckt. Regisseurin Eline Finkel gelingt das mit großartigen Bildern, brillanter Personenführung, exzellentem Textverständnis. Die Trunkenheit wird bei ihr nie Klischee, von einer Schenkelklopfer-Attitüde nach Art des „Dinner for one“ bleibt der Abend komplett verschont.

Das Ensemble präsentiert sich in Höchstform mit staunenswerter Pointensicherheit und perfektem Timing. Zu nennen wären schlicht alle Beteiligten, angefangen bei einem herrlich zwischen Depression und Aggression wandelnden Sebastian Haase als Karl, über eine wunderbar selbstmitleidige Jana Alexia Rödiger als Magda bis zu Axel Julius Fündeling als von der Liebe gleich zweifach ernüchterter Gustav. Weitere eindrucksvolle Leistungen sind zu erleben von Antonia Jungwirth, Bettina Riebesel, Ralf Beckord und Arlen Konietz.

Einer hat an diesem Abend übrigens keine Standschwierigkeiten. Mit leuchtend weißen Flügeln ausgestattet, wandelt ein einsamer Cellist (Stefan Baumann) über die fragile Bühnenlandschaft. Mal klagend, mal fordernd begleitet er die Figuren auf ihrem langen Weg zur Erkenntnis: Betrunkene sprechen nicht nur die Wahrheit, sie haben auch einen Schutzengel.

Es soll ja Produktionen geben, die einen Skandal benötigen, um das Haus voll zu bekommen. Diese Inszenierung ist auch skandalös: skandalös gut.

Kommende Vorstellungen: am 24., 26. und 30. Mai. Weitere Informationen: www.theaterkonstanz.de

St. Galler Tagblatt vom 22.05.2018

14 Betrunkene rechnen mit der Welt ab

«Betrunkene» ist ein beeindruckendes Theaterstück. Man lacht herzlich auf, während auf der Bühne in Konstanz der Sinn des Lebens konstruiert oder demontiert wird.

Brigitte Elsner-Heller 22.5.2018

Sie heissen Martha oder Lore, Gustav, Max oder wie auch immer. Sie treffen zu fortgeschrittener nächtlicher Stunde aufeinander, und sie sind ziemlich betrunken. Es ist die Stunde der Abrechnung mit der Welt, die Stunde, in der sich Geist und Emotion ein brisantes Stelldichein geben. Was im Stück «Betrunkene» des russischen Dramatikers Iwan Wyrypajew (1974 in Sibirien geboren) beeindruckt, ist wie die Protagonisten anfangen zu reden. Sie wiederholen sich, reden aneinander vorbei und – kommen sich dabei doch näher. Unter der Regie von Elina Finkel wird in Konstanz beeindruckendes Theater entworfen, bei dem man herzlich lacht, während auf der Bühne der Sinn des Lebens kenntnis- und erfahrungsreich wahlweise konstruiert oder demontiert wird.

Das Bühnenbild von Elena Bulochnikova, eine schräge Ebene mit Linien, die an verkrümmte Längen- und Breitengrade erinnert, gibt vor, auf welch schwankendem Boden jede Existenz angesiedelt ist, während im Hintergrund gedämpft Bilder der christlichen Ikonografie aufscheinen. Gott ist hier nicht tot, sondern einfach – «anders». Gustav, der sich eben noch der Tatsache stellen musste, betrogener Ehemann zu sein, bringt es zu dem wunderbaren Satz: «Du bist Herrgott, Lore. Und Linda ist auch Gott, und ich bin Gott, und sogar unser sehr, sehr schlechter Karl, er ist auch Gott.» Auf herzzerreissend komische Art stolpern sie durch die Welt auf der Suche nach Glück und Liebe. Zunächst Rosa, die Prostituierte, die sich als Ballerina träumt und plötzlich in den Armen von Mark liegt. Eine grosse Liebe dieser seltsamen Stunde, während die Liebe eines jung vermählten Paares schon im Alkohol verflossen zu sein scheint. Überhaupt das Heiraten. Schon der anstehende Beginn einer Ehe ist Iwan Wyrypajew hemmungslose Komik wert. Stichwort «Junggesellenabschied». Auf der Konstanzer Bühne gibt dazu eine Männertruppe (unter Verstärkung der bereits bekannten Ballerina- Prostituierten) eine wunderbare Choreografie zum besten, zu der Cellist Stefan Baumann mal himmlische, mal wabernde Töne beisteuert.Hier stimmt einfach alles. Die Schauspieler, die jeweils Doppelrollen auszufüllen haben und den Schlussapplaus dann auch freudig geniessen konnten, sind dazu in bester Form.

Als Quintessenz des Theaterabends mag dabei trotzdem das Stück selbst gelten, diese kluge Analyse, die sogar einen menschenfreundlichen Ausweg aus dem Dilemma anbietet: Die Liebe. Aufrichtige und verzeihende Liebe. Als hätte man es nicht gerade live bei Harry und Meghan im Fernsehen gesehen.

Spieldauer: bis 15.6 im Theater Konstanz

„Betrunkene“ am Theater Konstanz

Mit meiner Musik, live one stage, mit Engelsflügeln, 6-string-e-cello und 6-saitigem akustischem Cello:-))

 

19.05.2018 | STADTTHEATER | 2:30H INKL. EINER PAUSE

BETRUNKENE

 

IWAN WYRYPAJEW

Nachts in einer Großstadt. Auf unterschiedlichen Anlässen, offiziellen und privaten, wird gefeiert und der Alkohol fließt in Strömen. Menschen begegnen sich auf einem berühmten Filmfest, einer Hochzeit, zelebrieren die letzte Nacht in Freiheit auf einem Junggesellenabschied und stoßen bei einem Abendessen unter Freunden an. Sie wollen die Kunst, die Liebe und Freundschaft feiern und den Alltag vergessen. Doch je ausgelassener die Stimmung wird, desto brüchiger wird die dünne Schicht der Selbstbeherrschung und verdrängte Verletzungen, Trauer und Ängste suchen sich ihren Weg an die Oberfläche. Torkelnd und verloren, irren die Betrunkenen durch die leeren Straßen der Großstadt auf der Suche nach Trost, Orientierung und Gott. In neuen Konstellationen aufeinander treffend, kommen ihnen teilweise göttliche Einsichten: „Nur die Liebe ist wichtig, weiter nichts. Wenn du liebst, dann lebst du, wenn du nicht liebst, bist du ein verfickter Batzen Bauschaum“

Der sibirische Dramatiker Iwan Wyrypajew, geboren 1974, ist einer der wichtigsten russischen Dramatiker seiner Generation. Iwan Wyrapajew macht den Rauschzustand in seiner Komödie Betrunkene zur Basis eines ganzes Stückes und stellt dabei die elementaren Fragen: Gibt es einen Gott? Was ist die Liebe?

Elina Finkel ist eine ukrainische Regisseurin und Autorin. Sie studierte in Hamburg Schauspiel und inszenierte u.a. in Bremen, Bremerhaven,  Salzburg und Zürich. Ihre Tschechow- Übersetzungen wurden mehrfach ausgezeichnet.


Ein Probentagebuch zum Stück Betrunkene von Iwan Wyrypajew, in der Regie von Elina Finkel, des Theaters Konstanz entstand in einer Kooperation mit der Slawistikfakultät der Universität Konstanz. Studentinnen der Slawistik und der Theater-, Film- und Medienwissenschaften besuchen dabei begleitend zu einem Seminar Proben des Stücks, diese werden vom Veranstaltungsleiter (Fabian Erlenmaier) gemeinsam mit dem Dramaturgen (Eivind Haugland) vor- sowie nachbereitet. Ein Ziel der Lernveranstaltung ist es dabei die Entwicklung eines Theatertextes bei seinem Weg auf die große Bühne zu begleiten und dadurch den Studentinnen zeitgleich einen Einblick in die verschiedensten Arbeiten am Theater zu ermöglichen. Ihre persönlichen Erlebnisse, Eindrücke und Haltungen zum Stück schreiben die Studentinnen abwechselnd im Probetagebuch nieder.

NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN


AUSSTATTUNG / BÜHNE: Elena BulochnikovaKOSTÜME: Christine BertlCHOREOGRAFIE: Tabea MartinDRAMATURGIE: Eivind Haugland MIT: Antonia Jungwirth, Jana Alexia Rödiger, Bettina Riebesel, Ralf Beckord, Sebastian Haase, Axel Julius Fündeling, Arlen KonietzMUSIK: Stefan BaumannWEITERE: Claudia Schiller, Miriam Dold, Carolin Schmelz, Stéphanie Dreher, Miriam Unterthiner, Lesanne von Schieszl, Carolin Pfänder

 

ALPINES BRISE-, WIND- UND STURMREGISTER

MIT SVEN BÖSIGER, MICHAEL NEFF, PATRICK KESSLER UND STEFAN BAUMANN
TÜR 20:30 BEGINN 21:00 10.-

DER EINTRITT GILT ALS RABATT BEIM KAUF EINER PLATTE.

Sven Bösigers feingliedrige und improvisierte Klangkunstwerke wurden im Palace bereits in zahlreichen Projekten vorgestellt. Zusammen mit Patrick Kessler vertonte er als Nomadton an der Maultrommel die Wetterkamera auf dem Säntis. Auch sein neuster Streich widmet sich ganz dem Wind: Das alpine Brise-, Wind- und Sturmregister vereint 10 Gastmusiker_innen, die die Atmosphären und Skalen von Winden eingespielt und aufgenommen haben. Bösiger ergänzte die Tracks mit seinen Arrangements und bringt sie nun auf einer LP heraus. Stellvertretend für die ganze Equipe präsentieren Michael Neff, Patrick Kessler, Stefan Baumann und Sven Bösiger an diesem Abend die frisch gepresste Vinyl-Platte live. Aus dem Windschatten heraus heulen, flattern und säuseln sie und ziehen alle Register der Windmusik.

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Oktober im Mai

25.10.2017 20:15 – 28.10.2017 20:15

Das Chössi Theater und die Wilden Weiber Lichtensteig präsentieren

Chössi Ensemble

OKTOBER IM MAI

Das revolutionäre Stück wird pünktlich zum Hundertjahrjubiläum der Russischen Revolution durch das Chössi Ensemble uraufgeführt.

Ein Toggenburger Verdingbub flieht Anfang des 20. Jahrhunderts vom Hof seines Meisters, um in den Fabriken Zürichs Einkunft als Hilfsarbeiter zu finden.

Dort trifft er auf die Medizinstudentin und Aristokratin Irina. Er verliebt sich in ihre Klugheit, ihr exotisches Antlitz, sie schaut zu ihm auf, weil er ein waschechter Proletarier ist, ein Adonis der Arbeit, den es von der kapitalistischen Ausbeutung zu befreien gilt – sie schwärmt für den Landsmann Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin). Dieser trifft sich zu dieser Zeit in seinem Versteck an der Spiegelgasse im Zürcher Niederdorf mit seinen Genossen.

Mit dem Frühjahr 1917 und der überstürzten Rückkehr Lenins nach Russland kommt für den Toggenburger eine schwerwiegende Entscheidung: Arbeit oder Liebe? Er wählt die Liebe und findet sich unvermittelt in Russland zurzeit der Revolution wieder…

Regie: Barbara Bucher

Assistenz: Seraina Kobelt

Text: Michael Hasenfuss

Film: Michael Egger

Komposition und Produktion: Stefan Baumann

Der optimierte Wald

by Kristin Schmidt

Stefan Baumann brachte das Sportzentrum zum Klingen und liess es schmelzen. Sein lebendiger, geräuschvoller Wald wurde zum Auftakt für Reflexionen zur allgegenwärtigen Optimierung.

Schmale Holzstreifen pendelten sachte hin und her. Sie säuselten, zwitscherten, wisperten, brausten, summten und brummten. Jeder der Streifen trug einen Lautsprecher. Jeder Lautsprecher war verkabelt und in einen Klangbaum verwandelt. Einen Wald aus Holz und Tönen hatte Stefan Baumann für die Kulturlandsgemeinde im Sportzentrum Herisau installiert. Einen Wald, dicht gewachsen, mit einem geschwungenen Weg, nicht zu eng, aber auch kein Trassee. Für die eiligen Sportlerinnen und Sportler mit ihren grossen Taschen war extra ein Seitenweg freigehalten. Wer den Bogen nicht hatte gehen wollen, konnte an der Seite entlang oder gerade durch das Dickicht gehen. Zwei Tage vor der Kulturlandsgemeinde kam dann alles anders. Der Wald wurde zum Risikofaktor – feuerpolizeilich eingestuft. Eine Schneise musste geschlagen, eine Sichtlinie vom Eingang des Sportzentrums bis zur Treppe ermöglicht werden. Damit es schnell gehe im Fall der Fälle, für die optimale Sicherheit. Zuvor war der Wald ein Wald, den Familien zum Picknicken nutzten und der Sportlerinnen und Sportler zu eleganten Schwüngen verführte vorbei an den schwingenden Steifen. Die Achtsamkeit stellte sich von selber ein, die Installation hatte etwas Grundlegendes in den Menschen angesprochen. Und nach dem Eingriff? Die künstlerische Arbeit wirkte nicht mehr ganz so unmittelbar auf die Gäste des Sportzentrums und der Kulturlandsgemeinde, aber sie wirkte immer noch. Stefan Baumann gelang es, seinen Wald den Regeln anzupassen. Licht und Töne lockten ins Innere des durchgangsoptimierten Waldes. Das rauschende Bächlein konnte gesucht und dem Vogelpfeifen nachgegangen werden. Ein Wind liess sich hören, prasselndes Feuer ebenso und rein digital. Denn was zunächst natürlich tönte, offenbarte sich bei genauem Hinhören als künstlicher Geräuschwald: Der Komponist, Musiker und Instrumentenbauer Baumann belebte mit einem digitalen Programm das Dickicht der schmalen Holzstreifen, visuelle und akustische Eindrücke vereinten sich. Zudem waren die unbehandelten Holzstreifen das Bindeglied zwischen Kultur und Sport: Sperrholz bildet einen Resonanzkörper und wird im Instrumentenbau wie in der Raumakustik verwendet. Es wird im Schiffbau eingesetzt, dient als stabiler, federnder Kern in Ski, Skate- und Snowboards und wird zu Turngeräten verbaut. Sperrholz ist ein vielseitiger Werkstoff mit archaischen Wurzeln, klimaneutral, nachwachsend, hochspezialisiert und hochtechnologisch genutzt.

Auch die fünf Klangkugeln in der Turnhalle bestanden aus Sperrholzstreifen. Sie erinnerten in Zahl und Form an die fünf olympischen Ringe und riefen die Teilnehmenden und Gäste der Kulturlandsgemeinde herbei. Sportgeräusche ertönten aus den jeweils acht Lautsprechern. Tischtennisbälle klackerten, Skateboards bretterten, Ski schnarrten durch den Schnee, Velos sirrten vorbei. Die Klänge steigerten sich in einem Crescendo zu einem Schnaufen. Dann kehrte Stille ein und das Getöse wich der konzentrierten Ruhe. Das Sportzentrum wandelte sich wieder in einen Ort des Reflektierens und Disputierens, des Nach- und Weiterdenkens zu Optimierungsprozessen und deren Folgen. Auch die Ökologie kam dabei zur Sprache. Stefan Baumann brachte sich mit seiner Arbeit «Tropfendes Eisfeld“ in diesen Diskurs ein. Er versetzte die grosse Fensterscheibe zwischen Cafeteria und Eissporthalle mit speziellen Lautsprechern in Schwingung. Die Scheibe begann akustisch zu tropfen, zu schmelzen. Dieses Schmelzen setzte sich bis in die Eishalle fort. Hier, wo noch im Mai Eishockeyspielerinnen und Eiskunstläufer trainieren, zog Tauwetter ein. Immer in den Trainingspausen rann akustisch das Wasser. Die Irritation setzte sich mit der Performance in der Mitte des Eisfeldes fort. Dort spielte Baumann Stücke zum Thema Gletscherschmelze, Optimierung, Archaik, Vergänglichkeit und Zeit. So verband er den klimaneutralen, sicherheitsoptimierten Klangwald mit dem künstlichen Eisfeld, die künstlichen Waldgeräusche mit den Aufnahmen des echten Tropfens.

Obacht Kultur, Sonderausgabe Kulturlandsgemeinde 2017