säuseln, schnaufen, tropfen

Kompositionsauftrag der Kulturlandsgemeinde 2017 vom 6. bis 7. Mai 2017 im Sportzentrum Herisau

säuseln, schnaufen, tropfen

Stefan Baumann bringt das Sportzentrum zum Klingen und lässt es schmelzen. Ein lebendiger, geräuschvoller Wald ist der Auftakt für akustische Reflexionen zur allgegenwärtigen Optimierung.

Herisau, Appenzell, Schweiz, 20. April 2017 – Kultur Landsgemeinde, Klang Installation von Stefan Baumann. Foto: Daniel Ammann

 

Säuseln, zwitschern, wispern, brausen, summen, brummen – es klingt im Sportzentrum. Geräusche umfangen die Eintretenden, sie begleiten und leiten sie, sie locken hinein zwischen sanft schwingende Holzstreifen. Ein Weg tut sich auf, führt durch die hängenden Streifen hindurch vom Eingang des Sportzentrums bis zur Cafeteria und weiter bis zum Sporthalleneingang. Jeder der Streifen trägt einen Lautsprecher. Jeder Lautsprecher ist verkabelt. 32 verschiedene Signale werden auf die Klangbäume verteilt. Hier pfeift ein Sinusvogel, dort rauscht ein rosafarbener Wind, bald prasselt ein Feuer. Was zunächst natürlich tönt, offenbart sich bei genauem Hinhören als künstlicher Geräuschwald. Der Komponist, Musiker und Instrumentenbauer überlässt es dem Zufall, was wann wo erklingt: Ein digitales Programm belebt das Dickicht der schmalen Holzstreifen. Technik trifft auf Natur, Komposition und Gestaltung treffen auf Eigendynamik, visuelle und akustische Eindrücke vereinen sich. Zudem sind die 384 unbehandelten Holzstreifen das Bindeglied zwischen Kultur und Sport: Sperrholz bildet einen Resonanzkörper und wird im Instrumentenbau wie in der Raumakustik verwendet. Es wird im Schiffbau eingesetzt, dient als stabiler, federnder Kern in Ski, Skate- und Snowboards und wird zu Turngeräten verbaut. Sperrholz ist ein vielseitiger Werkstoff mit archaischen Wurzeln, klimaneutral, nachwachsend, hochspezialisiert und hochtechnologisch genutzt.

Auch die fünf Klangkugeln in der Turnhalle hat Stefan Baumann aus Sperrholzstreifen gebildet. Sie sind über Kopfhöhe aufgehängt und erinnern in Zahl und Form an die fünf olympischen Ringe. Sportliche Höchstleistungen erfordern die Ringe jedoch nicht, sondern sie rufen die Teilnehmenden und Gäste der Kulturlandsgemeinde herbei. Sportgeräusche ertönen aus den jeweils acht Lautsprechern. Tischtennisbälle klackern, Skateboards brettern, Ski schnarren durch den Schnee, Velos sirren vorbei. Die Klänge steigern sich in einem Crescendo zu einem Schnaufen. Dann kehrt Stille ein und das Getöse weicht der konzentrierten Ruhe. Das Sportzentrum wandelt sich wieder in einen Ort des Reflektierens und Disputierens, des Nach- und Weiterdenkens zu Optimierungsprozessen und deren Folgen. Auch die Ökologie kommt dabei zur Sprache. Stefan Baumann bringt sich mit seiner Arbeit «Tropfendes Eisfeld“ in diesen Diskurs ein. Er versetzt die grosse Fensterscheibe zwischen Cafeteria und Eissporthalle mit speziellen Lautsprechern in Schwingung. Die Scheibe wird selbst zu Eis und beginnt akustisch zu tropfen, zu schmelzen. Dieses Schmelzen setzt sich bis in die Eishalle fort. Hier, wo noch im Mai Eishockeyspielerinnen und Eiskunstläufer trainieren, zieht Tauwetter ein. Immer in den Trainingspausen rinnt akustisch das Wasser. Teilnehmenden und Gäste der Kulturlandsgemeinde sind eingeladen, mit Schlittschuhen aus dem Verleih des Sportzentrums ihre Runden zu ziehen. Das Eis trägt, aber es tropft unablässig für die Ohren der Eislaufenden. Die Irritation setzt sich mit der Performance in der Mitte des Eisfeldes fort. Dort spielt Baumann Stücke zum Thema Gletscherschmelze, Optimierung, Archaik, Vergänglichkeit und Zeit. So verbindet er den klimaneutralen Klangwald mit dem künstlichen Eisfeld, die künstlichen Waldgeräusche mit den Aufnahmen des echten Tropfens. Sein optimiertes sechssaitiges Cello kombiniert Baumann mit Loops und Elektronik. Willkommen in der Eisdisco im Mai!

 

Text: Kristin Schmidt